Zum 15. Jahrestag schenkte er mir 120 Sonderspiele

Wie alles begann ….

Ich bin der ironischste und sarkastischste Mensch, den ich kenne, neben meiner Schwester. Gehe immer fröhlich und optimistisch durchs Leben, und nehme jeden Tag als ein Geschenk. Ein Geschenk, an diesem wunderbaren Leben teil haben zu dürfen, zwei tolle Kinder zu haben, einen Mann der mich liebt und eine Familie, die in harten Zeiten zusammenhalten kann – wenn sie will.

Geboren wurde ich in einer für mich völlig normalen Familie. Normal deshalb, weil ich glaubte, dass dies normal ist.
Ich hatte Vater, Mutter und noch zwei ältere Geschwister. Beide Elternteile verdienten gutes Geld, so dass es uns an nichts mangelte. Naja, im Nachhinein sagte meine Mutter einmal, auch bei uns hätte es den einen oder anderen Engpass gegeben, aber wir Kinder bemerkten davon natürlich nichts. In meiner Jugend jedenfalls mangelte es mir an nichts. Ich bekam Klamotten, wenn ich sie brauchte, ich konnte Klassenfahrten machen, in den Ferien in den Urlaub fahren, Keyboard-Unterricht an der Musikschule nehmen, ins Kino gehen, in die Schwimmhalle fahren … ach ja und das Beste überhaupt … mein Vater hat mich auch noch überall hin gefahren und wieder abgeholt.

Mit 17 setzte ich mir dann auch noch in den Kopf, die Fahrerlaubnis für ein Moped zu machen. Auch das war kein Problem, ein Zweirad bekam ich gleich noch dazu – einfach so. Ich fuhr dieses Gefährt genau dreimal. Zweimal davon legte ich mich damit auf die Straße. Danach sah ich es nie wieder an. Ich glaube meine Eltern haben dieses Moped irgendwann gegen zwei hochwertige Fahrräder eingetauscht.

Aber es sollte ja noch eine bessere Zeit kommen, eine Zeit von der ich immer schon geträumt hatte. Und genau für diese Zeit der Unabhängigkeit ab 18, hatten meine Eltern mir auch noch ein Sparbuch angelegt, mit dem ich mir einen Führerschein und ein Auto finanzieren konnte. Ein guter Start ins Leben. Ich war frei ….

Und dann traf ich IHN ….. nein, eigentlich traf ich sie.

Sie war meine neue beste Freundin. Ich war damals mit dem Zug auf dem Weg von meiner Schwester nach Hause, und sie holte mich zusammen mit ihrem Freund vom Bahnhof ab. Ich hatte sie auf einer Geburtstagsfeier kennengelernt, und sie war mir sofort sympathisch, was ich von IHM nicht behaupten konnte. Aber egal, mit ihm sollte ich ja nicht meine Zeit verbringen.

Ich war damals bereits dreimal durch die praktische Führerscheinprüfung gefallen, an Freiheit war also nicht zu denken. Immer noch war ich abhängig von irgendjemandem irgendwohin gefahren zu werden. Mit meiner neuen Freundin war das einfach, ihr Freund durfte ja ein Auto fahren. Also verbrachten wir fortan viel Zeit zusammen.

Mit Beginn meiner Ausbildung hatte ich auch schon den vierten Termin zur Fahrprüfung, welcher auch mein letzter sein sollte. Ich schwor mir, wenn ich es auch dieses Mal nicht schaffen würde (wo doch jeder Depp ein Auto fahren darf) dann würde ich es auch nicht mehr versuchen. Aber nun wurde ich belohnt, endlich durfte auch ich ein Auto fahren, mein Auto fahren, welches im Übrigen schon zur ersten Prüfung fahrbereit auf dem Hof meiner Eltern auf mich wartete.

Wie es so sein sollte, musste der Freund meiner Freundin ziemlich zeitgleich, mit Bestehen meiner Fahrprüfung, seinen Führerschein abgeben, und es sah nicht so aus, als wenn er ihn recht schnell wiederbekommen würde.

In meiner frisch gewonnenen Euphorie und meinem neuen Gefühl von Freiheit, war das für mich natürlich gar kein Problem. Er hatte den Führerschein gebraucht, um die Familie zu ernähren, und nun war ich eben da. Ich bot also meine Hilfe an.

Die Kehrseite der Medaille

Jung, blond, hübsch, aber vor allem naiv und bisher gut behütet, trifft starken Überlebenskünstler mit breiten Schultern zum Anlehnen, aus „Mitten im Leben“. – Das imponiert!

Es begann also eine Zeit in meinem Leben, die aufregender nicht hätte sein können. An erster Stelle stand natürlich meine Ausbildung, welche ich auch brav absolvierte. Nebenbei startete ich das „Fuhrunternehmen“ für den Freund meiner Freundin.

Er brauchte eine Transportmöglichkeit für Sachen, die er zu Geld machen konnte. Er brauchte – ich hatte …. Ich hatte ein Auto und einen Führerschein – er nichts mehr von beidem ….

Er war ein Schrottsammler. Wir fuhren also nahezu täglich durch die Gegend, um Metalle zu sammeln, die niemand mehr zu brauchen schien. Und sowas gab es viel. Leerstehende, baufällige Ruinen, welche noch voll waren mit alten Heizkörpern, Kupfer- oder Aluleitungen, Kabel usw. All dies sammelten wir ein, um es später an einen Händler zu verkaufen. In dieser Zeit konnte man damit noch richtig gutes Geld verdienen. Und auch ich bekam jedesmal meinen Teil davon ab.

Damals wurden wir uns auch immer vertrauter. Ich lernte einen jungen Mann kennen, der sich durchs Leben hatte kämpfen müssen. Der Hunger und Not kannte, und sich daraus selbst hatte befreien können. Einen Mann mit einem gutem Herz und einem stark ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit. Einen tierlieben Menschen, mit dem man Pferde stehlen konnte, ohne dabei selbst in Gefahr zu geraten. Ein Typ mit Ecken und Kanten, tief in seinem Inneren ein kleines Kind, dass die Welt nicht verstand, und von ihr auch nicht verstanden wurde.

Ich fing an, ihn zu mögen.

Wir verbrachte ja nun auch die gesamte Freizeit miteinander. Er erzählte mir von seiner Beziehung zu meiner Freundin, ich ihm von meinem Liebesleben, welches in zu diesem Zeitpunkt eigentlich gleich Null war. Wir lachten viel zusammen.

Triff erstmal einen Menschen, der deinen Humor versteht.

Noch heute versteht niemand unseren Humor, selbst meine Schwester, die mir in Sachen Ironie und Sarkasmus am ähnlichsten ist, ist manchmal ein wenig verwirrt, glaube ich, wenn sie uns beide miteinander kommunizieren hört und sieht.

Ich verliebte mich in ihn. Vielleicht war es genau diese rosa-rote Brille, die mich nicht erkennen ließ, was fortan mein ganzes Leben mit ihm bestimmen sollte.
Wie bereits zuvor erwähnt, ließ sich mit dem Schrott einiges an Geld verdienen, welches er und seine Freundin auch brauchten, um zu Leben. Eigentlich hätte auch immer etwas übrig bleiben müssen, denn wir verdienten gutes Geld. Nur, es war eben nie etwas übrig, was ich aber im ersten Moment natürlich nicht mitbekam. Irgendwann war es dann so, dass er mich nach getaner Arbeit mit in eine Spielothek nahm, wo er auch anfing zu spielen. Er steckte Geld in die Automaten, gewann mal etwas oder verlor alles. Meistens letzteres. – Egal, morgen würden wir ja wieder Geld verdienen können.

Welch ein Irrsinn, aber ich registrierte all dies nicht und verschloss meine Augen vor der Wahrheit. Im Grunde konnte es mir ja auch egal sein, ich bekam immer meinen Teil ab.

Und doch verliebte ich mich in diesen Menschen, der auf der einen Seite so stark, aber auf der anderen doch so verletzlich war. Ich erkannte die Sucht nicht, die dahinter steckte, und hatte wahrscheinlich noch immer das Gefühl, ihm da raus helfen zu können.

Ich – und meine rosa-rote Brille …

Und so geschah es, dass auch er sich in mich verliebte, seine langjährige Beziehung aufgab, und ein Leben mit mir begann. Es war kein einfaches Leben, denn ich war noch immer bis in den Nachmittag hinein in der Ausbildung, und am Nachmittag startete das „Fuhrunternehmen“. Wir bezogen eine gemeinsame Wohnung und wurden zu „Bonny und Clyde“.

Meistens sammelten wir Schrott in alten, leerstehenden Gebäuden, verdienten damit gutes Geld. Während ich nach getaner Arbeit dann einkaufen ging, begab er sich in die Spielothek, um den Rest zu verprassen, immer in der Hoffnung einmal den Supergau zu erleben. Was natürlich nie geschah, und selbst wenn doch mal ein größerer Gewinn dabei abfiel, landete es über kurz oder lang doch wieder in den Automaten.

Bonny und Clyde aber waren auch Nachts auf der Suche nach dem großen Geld. Und so fanden wir ein Gelände, welches Tonnen von Altmetallen auf seinem Hof lagerte. Nacht für Nacht holten wir uns dort das etwas größere Geld. Wobei er immer darauf bedacht war, dass mir nichts passieren sollte.

So brachte ich ihn also nur dorthin und verbrachte die Nacht auf einem entfernten Parkplatz, während er alles zusammen suchte und zu einer vereinbarten Zeit in mein Auto lud. Morgens dann machten wir alles zu Geld, viel Geld … abends aber waren wir pleite und zogen wieder los.

Eines Nachts aber sollte sich diese Zeit dem Ende zuneigen. Ich brachte ihn, wie immer dorthin und fuhr zu meinem Parkplatz, als ich, nicht wesentlich später, von ihm einen Anruf erhielt, dass die Polizei wohl schon auf ihn gewartet, ihn aber bisher noch nicht geschnappt hätte.

„Fahr die Straße x entlang, am Ende biege nach links ab. Fahr langsam weiter, ich werde dir dann vors Auto springen. Dann können wir entkommen.“

Gesagt getan. Ich fuhr den beschriebenen Weg entlang und lud ihn ein. Die Polizei nur knapp im Nacken. Sie haben uns nie gekriegt.

Einmal noch – an einem anderem Ort – habe ich so etwas mit ihm erlebt und habe ihn gefunden, bevor es die Polizei tat. Danach haben wir es dann doch wieder mit Sammeln versucht.

Nun fragt man sich: was will die mit so einem?! Und die Frage haben sich wohl so manche aus meinem Umfeld gestellt. Ich kann es euch sagen. Wenn es damals für ihn nicht die Möglichkeit gegeben hätte, mich vor Unglück zu bewahren, hätte er mich gar nicht erst angerufen, sondern hätte sich gestellt. Er würde nie etwas schlechtes für mich wollen, sondern sich eher selbst opfern. Und trotzdem, reißt er mich mit seiner Sucht immer wieder rein.

Ich glaube nicht, dass ich zu dieser Zeit noch so blind war und diese Sucht, als tatsächlich eine Solche nicht erkannte. Nein, ich glaube eher, dass ich dachte, ich könnte ihm da raus helfen. Ich hab das tatsächlich auch versucht, hab stundenlang mit ihm geredet, ihm versucht das Für und Wieder auf zu zeigen. Aber das wusste er alles und hatte sogar Verständnis. Ich hab es im Guten versucht, und auch im Bösen: hab ihn verlassen, wie oft weiß ich nicht. Und doch hat er es immer wieder geschafft, mich zurück zu erobern.

Er ist ja auch kein schlechter Mensch. Er ist charmant, witzig, klug, stark und mein persönliches Genie in Sachen Technik und Konstruktionen, vor allem eigene Konstruktionen. Von ihm habe ich auch viel gelernt. Ich kann wahrscheinlich ein Auto auseinander schrauben und wieder zusammen setzen, Metalle und ihre Eigenschaften erklären und noch so vieles mehr. Aber das wichtigste, er hat mir gezeigt, wie man durchs Leben kommt, das man auch mal Türen „eintreten“ muss, um weiter zu kommen., dass man für seine Ziele kämpfen muss. Genau das musste er ja auch all die Jahre tun, sich Sachen erkämpfen, um ans Ziel zu gelangen. Und ich weiß genau, für mich würde er durchs Feuer gehen.

Heute, 15 Jahre später, ist es einfacher. Er hat natürlich irgendwann seinen Führerschein zurück bekommen und die ganze Schrott-Geschichte ohne mich weiter gemacht. Ich bin natürlich nicht mehr in der Ausbildung, sondern verdiene mein eigenes Geld. Klar, manchmal zwackt er mir auch davon noch was ab, aber im Großen und Ganzen bekomme ich von all dem nicht viel mit, auch wenn ich um das Geschehen trotzdem weiß. Ich habe gelernt meine Träume trotz allem zu verwirklichen, auch wenn ich dafür manchmal ein paar Umwege gehen muss.

Nach all den Jahren hat er dann irgendwann einen Psychologen aufgesucht, nicht wegen der Sucht, sondern weil es zu Depressionen kam. Dabei stellte heraus, dass die Sucht ein Teil seiner Verarbeitung des Lebens ist. Sein Gehirn läuft ständig auf Hochtouren und das Spielen hilft ihm ab zu schalten, weil die Maschine dann für ihn denkt.

Scheinen auch depressiv zu sein, diese Geräte, denn sie lassen ihn ja auch nur verlieren.

Zu unserem 15. Jahrestag dann bekam ich keine Blumen oder gar ein Geschenk –

NEIN – er kam abends nach Hause, weil er sich noch ein bisschen Geld von mir holen musste.

Er hatte 120 Sonderspiele auf dem Kasten, das wäre doch mal ein lukrativer Gewinn.

Am nächsten Morgen sprachen wir nicht mehr davon….

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