Kindheitserinnerung an meine Schwester Lotta habe ich nicht viele. Das mag daran liegen dass ich 5 Jahre nach ihr auf die Welt kam und sie, dem Alter entsprechend, natürlich ganz andere Sachen gern machte, als ich.

Woran ich mich erinnern kann:

Ich habe mein Zimmer mit ihr geteilt, wobei Zimmer wahrscheinlich gar kein Ausdruck ist, eher trifft es wohl der Begriff Kämmerchen. Maximal gefühlte 5 m² groß, indem sich 2 Schreibtische, ein Kleiderschrank und ein Doppelstockbett befanden. Ich kann mich erinnern, dass es immer sehr unordentlich war und wir regelmäßig einen Anpfiff dafür bekamen. Über Lottas Schreibtisch hing ein Poster von Robert Redford, aber auch viele von Depeche Mode, ihrer Lieblingsband bis heute.

Unsere Eltern waren beide berufstätig, so dass Lotta dafür zuständig war, für uns zu kochen, wenn wir aus der Schule kamen. Es gab oft leckeren Pams. Pams, wie unsere Mutter es immer nannte, war zusammen gerührtes Essen vom Vortag.War wirklich sehr lecker. Für mich zumindest.

Sicherlich haben wir auch einige Urlaube und Ausflüge miteinander verbracht, aber daran kann ich mich nicht all zu gut mehr erinnern. Irgendwann war sie dann in dem Alter in die Ausbildung zu gehen, und das war sehr weit weg von uns, so dass meine eigentlichen Erinnerungen mit ihr in meiner Kindheit gar nicht viel zu tun haben. Was ich noch weiß ist, dass wir uns immer viel gestritten haben, wenn sie dann mal zu Hause war, dass wir uns aber immer vermisst haben, sobald sie wieder weg war. Ich hab sie immer bewundert, für das was sie tat, was sie anzog, wer sie war. Ich habe immer mit Stolz von ihr erzählt und mich gefreut, wenn wir sie besucht haben, auch mal in ihre Welt zu schnuppern. Sie war in ihren jungen Jahren schon so selbstständig.Und sie war in allem mein großes Vorbild.

Ihre Ausbildung war dann auch irgendwann beendet und sie begann in ihrer neuen Heimat ein eigenständiges Leben. Ich besuchte währenddessen brav die Schule und erlernte danach auch einen Beruf, der mir sehr viel Spaß machte. Ich hatte mich für den Heilerzieher entschieden. Mit dieser Herausforderung bin auch ich stetig gewachsen, aber nicht nur daran. In dieser Zeit lernte ich auch meinen heutigen Nicht-Ehemann kennen.

Lotta und ich haben uns in all der Zeit aber nie aus den Augen verloren. Es kam die Zeit von Internet und e-mail, Handy und SMS wurden zum Alltag, was uns eine Kommunikation enorm erleichterte. Damals war es noch ein reines „große-Schwester / kleine Schwester – Verhältnis“. Sie half mir, wenn ich Unterstützung brauchte (als kleine Schwester hat man so einige Vorteile.) Als ich damals meine erste Wohnung bezog, rangierte sie gerade nicht mehr gebrauchte Sachen aus ihrer Wohnung aus, so dass ich an Geschirr, Töpfe und Pfannen kam, welche ich mir sonst hätte teuer kaufen müssen. Natürlich auch einige andere Sachen.

Während meiner Ausbildung kam dann 2002 meine Tochter Jule auf die Welt. Es war eine wirklich schwierige Zeit, denn meinen Beruf wollte ich natürlich trotzdem erlernen. Dabei konnte mir leider auch Lotta nicht helfen, aber sie stand mir immer Rat und Tat zur Seite, wo sie nur konnte. Da ich finanziell auch nicht immer so gut da stand, half sie mir auch da das eine oder andere Mal aus. Aber an eine Sache kann ich mich noch erinnern, (und wenn sie das jetzt selbst liest, wird sie bestimmt schmunzeln) da bat ich sie „mal wieder“ um Geld, weil ich, wie immer, irgendein Problem hatte. Finanzielle Problem hatte ich ja häufiger, aber dazu an anderer Stelle mehr. Ich schrieb ihr also eine e-mail, mit der Bitte um  Unterstützung. Vielleicht hatte sie selbst keinen guten Tag gehabt oder Ärger auf Arbeit oder mit sonst wem, auf jeden Fall bekam ich eine schriftliche „Abreibung“ und Aufklärung in Sachen Kommunikation. Meine e-mail war wohl nicht mit Anrede und dergleichen ausgestattet gewesen. Ups …. Die Finanzen konnte ich also vergessen, vielleicht hatte ich sie auch eben einmal zuviel gefragt. Irgendwann ist nun auch mal gut. Heute jedenfalls, achten wir beide darauf, uns auch höflicherweise korrekt zu begrüßen. In Zeiten von FB-Chats oder Whatsapp bleibt sowas ja schon mal auf der Strecke. Ich liebe es, sie dann doch mal daran erinnern zu können, wenn sie mich nicht ordnungsgemäß begrüßt. (GuMo :* = Guten Morgen … )

Nun hatte ich also Jule, und Jule liebte ihre Tante Lotta. Wann immer Lotta auf Besuch war, war Jule an ihrer Seite. Einmal haben Jule und ich Tante Lotta auch in ihrer Wahlheimat besucht. Sie arbeitete damals bei einem der größten Mobilfunkanbieter Deutschlands. So auch an diesen Tagen, und Jule und ich verbrachten die Zeit damit, die Gegend zu erkunden. Wir durften sie auch auf ihrer Arbeit besuchen. Vor diesem großen Gebäude stiegen riesige Wasserfontainen in den Himmel auf, das fand meine Tochter, sie muss damals 2 Jahre alt gewesen sein, total faszinierend. Also, Schuhe aus und rein da. Sie hüpfte und quiekte vergnügt, bis ich irgendwann merkte, dass die Steine von der Sonnen wirklich heiß waren. Quiekte sie also vor Vergnügen oder weil die Füße brannten? Lotta erzählte mir später, sie hätte das vom Fenster aus beobachtet und sich dabei köstlich amüsiert. Ich Rabenmutter! Tante Lotta brachte ihr damals auch das Essen mit Messer und Gabel bei. Hat schon mal einer von euch Pommes mit nem Messer gegessen? 😀

Zwei Jahre später entschied sich meine Schwester dann zurück in die Heimat zu kommen. Ich glaube, das war damals der Beginn unserer Freundschaft. Wir waren nicht mehr nur Schwestern, wir wurden zu richtigen Freundinnen. Im Nachhinein denke ich, war es nicht von Vorteil dort alles auf zu geben, aber wer weiß sowas schon vorher. Wenn sie auch einiges verloren hat, so hat sie auch viele Dinge dazu gewonnen. Seitdem haben wir fast alles zusammen entschieden, was richtig oder falsch ist, oder was wir glaubten, dass es richtig oder falsch sein könnte. Die Beziehung zu meiner Schwester ist etwas ganz besonderes geworden. Wir haben bereits einiges zusammen durchgestanden und uns auch immer ganz gut ergänzt und unterstützt. Am meisten liebe ich das Hand in Hand – Arbeiten mit ihr. So werden schon mal wichtige e-mails oder Telefonate von der jeweils anderen ausgeführt und geschrieben, weil man selbst arbeitstechnisch keine Zeit hat. Es gab auch eine Zeit, in der wir beruflich zusammen gearbeitet haben, auch das hat mir viel Spaß gemacht, besonders dann, wenn eigentlich gerade das totale Chaos ausbrach.

Kurz nachdem meine Schwester wieder bei uns war, wurde ich ein zweites mal schwanger. Lotta liebte Kinder und wollte auch so gern eigene haben. Dies blieb ihr aber leider bisher vergönnt. Dennoch freute sie sich mit mir. 2007 wurde also mein Sohn Max geboren. Genau an dem Tag, an dem meine Schwester ihr Kind verlor, welch ein Irrsinn. Ich war auf der einen Seite so voller Freude  über mein Kind, welches ich gerade geboren hatte, dass das Adrenalin noch in meinen Adern rauschte – und auch sie freute sich mit mir- aber ich konnte in ihren Augen den Schmerz sehen, den sie an diesem Tag erlitten hatte. Wir haben eigentlich nie wirklich darüber gesprochen. Gott sei dank blieb ihr Kinderwunsch dennoch nicht unerfüllt, und so sollte auch sie eines Tages eine wunderbare Mutter werden.

So haben wir nun heute jeder zwei Kinder, jedes mit seinen Stärken und Schwächen.

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