Weil ich es kann …. (Merle)

Gestern Abend habe ich beschlossen: ab morgen rauche ich nicht mehr.

Nein, ich bin nicht schwer krank, ich finde nur, dass ich nicht andauernd von gesunder Ernährung faseln kann , um mir dann in der nächsten Ecke eine Zigarette an zu stecken. Irgendwie passt das nicht. Ab morgen rauche ich nicht mehr.

Tag 1

Mein Wecker klingelt erstmal zwei Stunden zu spät, wollte ich doch eigentlich meine Tochter wecken, damit sie auch pünktlich am Schulbus ist.

Normalerweise stehe ich immer gut 2 Stunden vor Abfahrt, wohin auch immer, auf, um genügend Zeit für etwaige Rituale zu haben. Das sieht dann ungefähr wie folgt aus:

  • Kaffee machen, währenddessen Zigarette rauchen
  • Kaffe trinken , dazu ne Zigarette rauchen
  • Zigarette rauchen, dazu den Rest vom Kaffee trinken
  • neuen Kaffee machen , dazu ne Zigarette rauchen
  • Waschen , Duschen etc. gehen , anschließend ne Zigarette rauchen, dazu den Kaffee trinken
  • Anziehen und noch schnell ne Zigarette rauchen und überlegen, ob der Kaffee dazu noch reicht oder, ob nicht doch nochmal schnell nen Kaffee kochen und Zigarette dazu …?

So oder so ähnlich sieht es eigentlich jeden Morgen bei mir aus , und so war ich heut früh nach 45 min eigentlich mit allem fertig … Und habe doch ernsthaft im Erwägung gezogen, in der übrig gebliebenen Zeit noch schnell mal eine zu rauch….. STOPP !!!

Da ist er – der Teufelskreis. Den ganzen morgen schon renne ich herum, nur einen immer wiederkehrenden Gedanken in meinem Hirn:

  • Ich rauche ja nun nicht mehr, und weil ich nicht mehr rauche, rauche ich eben nicht mehr. Und deshalb ist es auch so, dass ich nicht mehr rauche, obwohl eigentlich könnte ich ja mal eine rauchen … aber nein !!!! Ich rauche ja nicht mehr.

Und nachdem ich mich nun die verbleibende halbe Stunde damit beschäftigt habe, nicht zu rauchen und darüber ausführlich nach zu denken, kann ich also endlich los fahren. Meine Tochter geht schon mal raus , während ich noch die letzten 3 Worte mit meinem rauchenden Mann wechsel. Ich beneide ihn jetzt schon, dass er rauchen darf.

Ich fahre also endlich los und stelle fest, ich fühle mich, wie unter eine KäseGlocke. Ich kann mich nicht konzentrieren und gucke überall hin, nur nicht da, wo ich soll, nämlich auf die Straße . Ich stehe an der Ampel und denke gerade :

  • Ich rauche nicht mehr.
  • Wie ist das schön, dass ich nicht mehr rauche.
  • Eigentlich könnte ich doch jetzt mal eine rauchen.
  • Aber nein, ich rauche ja nicht mehr.
  • Die Ampel ist grün .
  • Es kann doch nicht so schwer sein, nicht mehr rauchen zu wollen.
  • Ich rauche nicht mehr.
  • Nein, rauchen will ich nicht mehr.
  • Die Ampel ist immernoch grün.
  • Auf jeden Fall bin ich stark, und ich rauche nicht mehr.
  • UPS ………. ich sollte mal los fahren.

Und so geht es mir eigentlich schon den ganzen Tag. Ich kann nicht zuhören, ich kann mich nicht konzentrieren. Ich schwitze, obwohl ich sonst immer friere und habe Herzrasen, wenn ich mit dem Hund raus gehe, weil mein Blut wahrscheinlich nichts mit dem ganzen Sauerstoff anzufangen weiß.

Am Abend erscheint mir dann doch wieder alles ziemlich normal zu sein. Mittlerweile denke ich nicht mehr nur ans „Nichtrauchen “ … Nein, sondern vielmehr ans Rauchen 🙈🙉🙊.

Meine zweite Nacht war dann doch etwas weniger angenehm. Ich war recht früh müde und bin deshalb auch relativ zeitig ins Bett gegangen. Kennt ihr das – wenn einzelne Körperteile nochmal kurz zucken, bevor man endgültig abdriftet ? Das hatte ich quasi die ganze Nacht. Dazu noch sämtliche Schweißausbrüche , weil mir andauernd zu warm war , oder doch wieder zu kalt, weil ich die Bettdecke ja von mir entfernt hatte.

Und dann diese Gedanken – Nein, nicht ums rauchen – sondern, wie ich diesen Text hier schreibe 😂😂.

Auf jeden Fall gehe ich mich jetzt erstmal belohnen und lasse mir ein schönes Bad ein. Weil 👉 ich hab ja jetzt wieder Geruchsnerven und die letzte Nacht war ja sehr schweißtreibend….

Tag 2

An Tag 2 ist alles ein bisschen einfacher. Auf grüne Ampeln kann ich mich immerhin schon mal wieder konzentrieren. Mein Hirn scheint nicht mehr vakuumiert von Nebelschwaden. Heute kann ich mich auch auf andere Sachen, als dem „Nicht Rauchen“ konzentrieren. Während ich mich gestern fast ausschließlich damit beschäftigt habe, muss ich mich heute manchmal daran erinnern, dass ich nicht mehr rauche, weil ich ansonsten einfach so zur Zigarette greife. Ja, es ist einfach die Gewohnheit. Viele Jahre hab ich eben schon allein

  • morgens 2 – 12 Zigaretten zu meinem Kaffee geraucht,
  • oder auf dem Weg zur Arbeit – noch schnell Eine geraucht,
  • oder wenn ich mit dem Hund raus ging – dabei noch schnell eine Zigarette geraucht,
  • bevor ich mit der Arbeit anfing – schnell eine geraucht,
  • wenn ich mit der Arbeit fertig war – schnell eine geraucht,
  • zu Hause angekommen- erstmal eine geraucht,
  • vor dem Abendbrot,
  • nach dem Abendbrot,
  • vor der Fernsehsendung,
  • danach
  • und währenddessen…..
  • Ich glaube, ich habe den ganzen Tag nichts anderes gemacht, als geraucht ?! 😨😨😨

Und das sind so die Momente, die man ja nicht einfach so abschalten kann , Nein- automatisch kommt einem der Gedanke an die Zigarette in bestimmten Situationen, in denen man sonst ja auch geraucht hat. Es ist wie ein kurzer Blitz, der einen durchfährt – der einen erst Freude, dann Enttäuschung und anschließend Traurigkeit ,gepaart mit ganz viel Stolz, fühlen lässt. Erst Freude, weil man feststellt, dass man gleich eine zigarettenwürdige Pause machen wird, um dann zu erkennen – ich rauche ja nicht mehr, also brauche ich mich darauf gar nicht freuen, einmal tief seufzend ein zu atmen, und stolz zu erkennen, das ist nur meine 21 Jahre anhaltende Gewohnheit, die mich versucht daran zu erinnern, was ich all die Jahre doch so gerne getan habe. Aber Nein : so schnell dieser Moment in meinem Hirn aufflackert, so schnell ist er auch wieder verschwunden , und ich rauche eben einfach nicht … es ist der Wahnsinn 👏👏👏

Im übrigen habe ich quasi zeitgleich mit meiner Mutter aufgehört zu rauchen. Sie ist mir „nur“ 24 Stunden vorraus, was eigentlich ziemlich unfair ist, weil ich zuerst angefangen hatte, aufhören zu wollen. Na egal, ich kann tun was ich möchte, ich hole die Zeit einfach nicht ein.

Was ich aber eigentlich sagen wollte, dass wir die gleichen Entzugserscheinungen haben , so dass wir uns letzte Nacht so gar gegenseitig Whatsapp schickten, weil wir wieder nicht schlafen konnten….

Gemeinsam aufzuhören ist gar nicht mal so doof, denn man kann sich gegenseitig motivieren , sich bestärken weiter zu machen und sich natürlich auch sein Leid klagen. Das macht alles zusammen doppelt so viel Spaß. Haben wir also sonst Nachmittags nach der Arbeit erstmal zusammen eine Zigarette geraucht , rauchen wir nun keine mehr und klagen uns stattdessen unser Leid, welches wir erdulden, weil wir selbst es so wollen … 🤔 und dann – dann sind wir stolz auf uns und machen uns Mut, weiter zu machen.

Tag 269

In 4 Tagen ist es soweit. In vier Tagen habe ich seit 9 Monaten nicht mehr geraucht 👍😁.

Was hat sich verändert? Alles !

Ich habe das Gefühl mein ganzes Leben hat sich verändert . Zu aller erst hab ich erstmal 7 kg zu genommen. Nun gut, es kam auch noch Weihnachten dazu, da bekommt man sowieso ein bissl Speck auf die Rippen … Hach, das schmeckte aber auch alles lecker …. 😊😍 … allerdings wurden die Klamotten enger, vor allem hatte ich mir ein schönes Kleid zu Weihnachten genäht, indem ich dann aber wie eine Presswurst aussah.

Nach Weihnachten dann das erste Mal leise Kritik von meinem Mann. Kritik muss nicht immer schlecht sein, auch wenn sie sich dannach anhört und anfühlt. Nein, diese Kritik sprach aus, was ich lange im Spiegel selbst erkannt hatte – aber nicht wahrhaben wollte … ich musste also etwas tun. Neues Jahr, neues Glück.

Als erstes nahm ich an einem Indoorcycling-Marathon Teil, zu dem ich mich schon im Dezember angemeldet hatte . Nur 2 Stunden, aber ich konnte deutlich meinen Hintern spüren. Trotz allem war ich immerhin fast 35 km gefahren… wow … danach war der Bann dann gebrochen, ich meldete mich im Fitnessstudio an. Seitdem trainiere ich ca 3 Mal in der Woche im Studio, um die restlichen Tage zu Hause mit Inlinern und Fahrrad zu verbringen. Man glaubt gar nicht, was der Mensch zu leisten imstande ist.

Kurzum- ich bin ein totaler Bewegungsjunkee geworden . Zusätzlich habe ich mich noch mehr mit Ernährung auseinander gesetzt , was schlussendlich bewirkt hat, meine 7 kg wieder runter zu bekommen und den Körper neu zu formen.

Wer sich jetzt aber denkt, sie hat es so einfach geschafft, mit dem Rauchen auf zu hören und nach so langer Zeit, ist alles gut, der täuscht sich … noch heute habe ich das Verlangen zu rauchen. Nicht immer, aber in Momenten, in denen ich immer rauchte… Bsp. Ich fahre auf einen sonnigen Parkplatz und warte dort auf meine Tochter . Schon beim rauffahren auf dem Platz, war sie da – die Zigarette, in meinen Gedanken : wie ich aussteige, die Sonne genieße und weil ich warten muss, eine Zigarette heraus hole, sie anzünde und tiiiieeef einatme. Noch heute kann ich genau das spüren … Aber ich bin weiter stark – und so verschwindet dieser Gedanke auch ganz schnell wieder.

Tag 365 – 1 Jahr

Noch immer total froh, mit dem Rauchen aufgehört zu haben, habe ich nun 1 Jahr geschafft . WAHNSINN … wie schnell die Zeit doch vergangen ist. Ein ganzes Jahr, in dem sich soviel verändert hat.

Nein, ich habe jetzt nicht mehr Geld, weil ich ja nun kein Tabak oder keine Zigaretten mehr kaufen muss, und ich habe auch nicht mehr Zeit, weil ich diese ja nicht mit rauchen verbringe. Ganz im Gegenteil, ich weiß gar nicht, wann ich das noch gemacht habe …. Grad Morgens hab ich dafür mal so gar keine Zeit. Da hab ich aber immer am liebsten und meisten geraucht.

Mein Geld investiere ich nun in Sport. Ein Vertrag im Fitnessstudio war da erst der Anfang. Es folgten logischerweise Sportklamotten, Sportschuhe, Inliner , Schützer und Helm, Fahrradklamotten, und Sportuhr …. ach und dann noch neue Sportklamotten und -schuhe… Die Kleidung passte ja nach einer Weile nicht mehr, denn so wurde ich auch meine 7kg wieder los. 🤗

Ich achte nun also auf ausreichend Schlaf, viel Wasser, gutes Essen und viel Aktivität… Ich müsste also wenigstens 204 Jahre alt werden 😁, faltenfrei (logisch, oder?) .

Inzwischen entwickel ich meine eigenen Trainingspläne und habe damit auch ganz guten Erfolg. Wer es hören will, dem erzähle ich auch ganz gern, wie Ernährung und Sport funktionieren. Es interessiert nur niemanden ..🤷‍♀️ naja oder eben nur oberflächlich😁.

Sieh her Schicksal, du machst uns nicht kaputt! (Merle)

Immer diese Hausaufgaben. Jeden Tag bzw Abend, jedes Wochenende. Immer dasselbe. „Ich kann das nicht.“ , „Ich kapier das nicht.“, „Ich kann mich nicht konzentrieren.“, „Ich weiß nicht, was ich da machen muss.“ Sachen, die er gestern noch konnte, stellen heute eine Herausforderung dar.

Ich hab keine Lust mehr. Schon, wenn ich daran denke, dass am Abend Hausaufgaben gemacht werden müssen, wird mir schlecht. Die Organisation in seinem Schulranzen gleich Null. Manchmal hat er Einträge von vergessenem Unterrichtsmaterial, obwohl sie in seiner Tasche sind. „Ich hab das nicht gefunden.“ Tägliches Suchen nach dem Federtascheninhalt, Schriften entziffern, Hausaufgaben bei Mitschülern erfragen, weil man es im Aufgaben-Heft nicht lesen kann, ja nicht mal erahnen. Kleine „a“´s, die nicht mehr geschrieben werden können, so dass aus einer struppigen Katze eine struppige Kotze wird. Substantive, die immer klein – Verben, die immer groß geschrieben werden. Die 6, die nicht mehr ausgesprochen werden kann, weil sie sich nach Sex anhört. Wenn man dann aber fragt: „Wieviel Zeit brauchst du dafür?“ kommt „300 Minuten.“ – okay … „Wieviel Stunden sind das?“„Na 5, ist doch logisch.“ – ja, nee is klar.

Autism_awareness_ribbon-20051114Ja, ich rede hier von meinem Max. Ja, er ist ein Asperger Autist. Und das ist nur ein kleiner Auszugs des alltäglichen Wahnsinns.

Schnitzel mit Rotkohl (Merle)

Wer mich kennt, weiß, dass ich viel Wert auf eine selbst- und frisch zubereitete Ernährung lege . Seit Jahren beschäftige ich mich damit und verbringe immens Zeit in der Küche, probiere mich aus… Alles, um meine Familie und mich vernünftig zu ernähren … Und, um am Ende dann doch bei 52x im Jahr Schnitzel mit Rotkohl zu landen, denn ich hab ja eine sehr „eigenwillige“ Familie 😂😂 An das selbstgemachte Zeug sind sie nur schwer ran zu kriegen , und dafür verbringt man Stunde um Stunde in der Küche 😥 …. und Schnitzel mit Rotkohl ist das einzige , was alle essen. Aber auch nur aus einem bestimmten Supermarkt, weil ansonsten schmeckt das nämlich auch nicht.

Und so stellt sich heute, an einem Samstag Abend, mal wieder die Frage: Was gibt es zum Abendbrot? Auf meine Antwort: Stulle, ernte ich großen Protest von allen Seiten. „Können wir nicht Würstchen essen, oder so? Die hatten wir schon soooo lange nicht mehr.“

Genau! Erst heute Morgen entdeckte ich die leere Würstchenpackung auf dem Schrank meiner Tochter, welche im Übrigen am meisten jegliches Essen boykottiert . „Immer gibt es Stulle!“ Richtig! Es gibt bei uns tatsächlich 3x im Jahr zum Abendbrot Stulle. Wie furchtbar!

Würstchen, Salamie, Käse und Toast hingegen gehen immer. Und wenn ich immer sage, meine ich auch IMMER. Jeden Tag versuche ich etwas Abwechslung in den Essensplan zu bringen, um dann bei Würstchen und Toast zu landen. Es ist frustrierend. Vielleicht sollte ich mich einfach damit abfinden – tu ich aber nicht!

Die zwei lustigen Drei (Merle)

Humor ist, wenn man trotzdem lacht.

Dies ist stets unsere Devise gewesen, bis heute. Unseren Humor muss man nicht verstehen, tut auch niemand. Wir sind ironisch und sarkastisch, und das in allen Lebenslagen. Das Schicksal hat es nicht immer gut mit uns gemeint, aber wir stellen uns ihm lachend entgegen. „Sie her Schicksal, du machst uns nicht kaputt!“

In unserem Leben gab es nie nur uns zwei. Wir haben einen gemeinsamen großen Bruder, mit dem wir leider nicht all zu viel Zeit verbringen. Warum? Das können wir uns auch nicht erklären. Zu dritt wären wir humoristisch vollkommen, so sind und bleiben wir: Die zwei lustigen Drei. Vollkommen sind wir deshalb trotzdem…. eben manchmal vollkommen daneben.

Wenn ich also unser beider Leben so betrachte, sind diese sich ziemlich ähnlich und doch so verschieden. Das kommt daher, dass wir dem anderen einen Platz in unserem Leben geschaffen haben, um ihn daran teilhaben zu lassen, und doch jeder seine eigenen Erfahrungen macht.

Während ich zum Beispiel seit nunmehr 15 Jahren gerade zweimal in eine jeweils größere Wohnung gewandert bin (und auch nur wegen wachsender Kinderzahl) ist Lotta ein Meister im Umziehen, und ich meine damit nicht, dass sie ständig ihre Klamotten tauscht. Nein, sie hat es innerhalb der letzten 7 Jahre geschafft 7 mal umzuziehen, sich einen neue Wohnung zu suchen. Gut, das erste Mal ist sie zurück in die Heimat gekommen, da braucht man eben auch mal eine neue Bleibe.  Unter einer Brücke zu schlafen, war, so glaube ich,  noch nie ihr Traum gewesen. Als sich dann auch bei ihr Nachwuchs ankündigte, zog sie das zweite Mal um. Eine sehr schöne Wohnung, wie ich fand. Zwar kleine,aber niedliche Räume, eine Terasse, furchtbar schmale, steile Treppen (aber wer wohnt schon im Flur). Als unser Vater dann vor 5 Jahren starb, siedelte sie samt Familie ins Elternhaus um.  Eigentlich ein ganz niedliches Haus mit viel Grün drumrum für die lieben Kleinen. Doch so richtig wohl fühlte sie sich da wohl nicht, also wanderte sie in die dritte Wohnung. Ein Traum: große Räume, hohe Decken, ein uralter schöner Ofen, kalte Flure, undichte Eingangstüren und partywütige Nachbarn, die schonmal des Nachts die falsche Tür nahmen und im Schlafzimmer meiner Schwester standen. Kurzum – ein Traum. Alptraum! Neue Wohnung – neues Glück. Diesmal traf sie auf zwei Schwestern, welche ihre neuen Vermieter werden sollten. Sie besaßen ein wunderschönes, kleines Häuschen mit genug Gartenland, für den Anbau von Obst und Gemüse, aber auch für die Freizeitgestaltung ihrer Jungs. Die Schwestern würden sie so an uns erinnern, hat sie damals gesagt, aber nicht lange daran geglaubt. Denn schon war der Mietvertrag unterschrieben, ging der Ärger los. Ich hoffe sie erzählt diese Geschichten irgendwann einmal etwas ausführlicher. Sie schaute sich also erneut nach einer neuen Bleibe um, und traf wieder so einen tollen Menschen, der nur auf sie gewartet hatte, die Wohnung nach ihren Wünschen zu gestalten. Eine Wohnung, in einem Haus, wo Nachbarschaftshilfe noch groß geschrieben wurde. Okay, Lotta hatte wieder ihre rosa-rote-ich-zieh-in-eine-neue-Wohnung-Brille auf. Aber auch hier blieb sie nicht lange. Aber nun kommt`s. Das siebte Mal nahm sie sich wieder die Wohnung, in die sie gezogen war, weil sich damals der Nachwuchs angekündigt hatte. Die Bleibe mit der schönen Terrasse, den kleinen, niedlichen Räumen und der furchtbar schmalen, steilen Treppe. Sie ging quasi „back to the roots“ . Ich glaube, ihre Kinder fragen dann und wann schon mal: „Mama, wann ziehen wir eigentlich mal wieder um?“. Für die ist es ja auch jedesmal ein großes Abenteuer. Ich hingegen glaube ja, sie will sich nur jedesmal richtig ausmisten …hahaha … wer renoviert auch schon gerne eine Wohnung, in der Möbel stehen. Wer räumt schon gerne von einem in das andere Zimmer, wo man doch auch gleich alles in Kartons packen und in frisch geweißte 4 Wände tun kann. 😀 Das ist meine Lotta. Dagegen bin ich ja wohl völlig spießig und langweilig. Meine Kinder kennen tatsächlich seit ihrer Geburt dieselben Nachbarn.

Wann immer wir zwei aufeinander treffen, wird es für uns ein lustiger Tag. Für alle anderen, glaube ich, eher der Tag, an dem sie aufhören uns gedanklich zu folgen. Wir können verschieden Sache bis ins kleinste Detail diskutieren und weiterentwickeln, unsere eigenen Kreationen erschaffen. Anstehende Probleme werden dabei auch oft diskutiert, auf unsere Weise. Ich glaube, dass ist der Weg uns damit auseinander zu setzen. So erschufen wir eines Tages Hans-Peter Schneider. Ausgehend für diese Entwicklung, war die Suche  von einem bekanntem Prominenten nach einer Frau. Ich kam auf die Idee, dass sich meine Lotta doch da mal melden könnte. Nicht, weil sie tatsächlich einen Mann suchte, sondern weil es eben lustig war. Also schrieb sie eine „Bewerbung“. Es kam natürlich nie eine Antwort, aber wir machten eine Geschichte daraus, eine Geschichte, in der wir unseren Froschprinzen suchten.  Wir kreierten ihn, wir gaben ihm einen Namen, ein Gesicht und einen Charackter und begaben uns auf die Suche.

Geboren war Hans-Peter Schneider.420492_200995416675300_2132694763_n

Als nächstes kreierten wir uns also selbst mal wieder neu, in dem wir diesen Blog schufen. Wir sind auf der Suche nach unserem Inneren und uns selbst.

Merle

Lotta

Ja, ich die Mäusemelkerin, es ist ja auch manchmal alles zum Mäuse melken.

Meine Lotta, die Sternschnuppenzählerin, versucht sie doch die Wünsche der anderen zu erfüllen, und vergisst sich dabei oft selbst.

Farbenblind (Merle)

Ja, es scheint, als wären wir Farbenblind.

Obwohl wir die Welt in ihrer prächtigen Schönheit betrachten und auch bewundern, scheint es, als gäbe es für uns nur diese eine Farbe. Wenn man jemanden fragen würde, was an uns besonders ist, würde dieser jemand nicht antworten: die beiden sind immer fröhlich, gut drauf, hilfsbereit oder kreativ. Nein, an erster Stelle würde immer kommen: sie tragen beide nur schwarz. Ja, so sind wir, immer in Schwarz, und wenn es das Wetter zulässt, auch immer mit Sonnenbrille. Wir sind „the black Beautys“. Wir wollen damit nicht auffallen, tun es aber immer, besonders dann, wenn wir zusammen unterwegs sind.

Bei mir ist es so, dass ich Klamotten in anderen Farben schon toll finde, dann aber immer auch gleich denke, in schwarz wäre das viel schöner gewesen. Warum das so ist, wissen wir im Grunde auch nicht. Lotta trägt schon so viel länger diese wunderschöne Farbe, als ich. Na gut sie ist ja auch älter, mir quasi 5 Jahre voraus. 😛

Wir sind deshalb aber noch lange keine Schwarz-Maler, ganz im Gegenteil. Auch wenn wir viel in dieser Farbe haben, legen wir doch Wert darauf, die Welt in all ihren Farben und Facetten zu betrachten.

Individuell

Schwarz ist Symbol für das Geheimnisvolle, für Individualität und Stärke.

Wer Schwarz trägt, wirkt beeindruckend – aber auch unnahbar.

Jetzt weiß ich auch, warum wir keine Freunde haben 😀 … wir wirken unnahbar. Vielleicht sind wir das ja auch. Aber Freunde brauchen wir auch nicht, wir haben uns.

Andere Menschen können auch so furchtbar anstrengend sein. Ist euch schon mal aufgefallen, dass im Grunde niemand wissen will, wie es auch geht? Sie suchen nur jemanden, bei dem sie ihren Frust uns Müll abladen können. Doch davon haben wir wohl selbst genug.

Heute hat mein Max Geburtstag (Merle)

2575_0-wandtattoo-spruch-kind Ich kann mit voller Stolz sagen: Ich habe zwei tolle Kinder. Jule und Max. Als wir mit Jule noch allein waren, hatte ich immer Sorge, ich könnte nicht dieselbe, große Liebe für ein zweites Kind empfinden. Oh doch, ich kann. Beide Kinder sind etwas besonderes, beide voller special effects. Heute aber geht es um Max, denn vor genau 8 Jahren hat er an diesem Tag das Licht der Welt erblickt, und ich hatte nicht mal einen Namen für ihn. Doch als in seine Augen blickte, wusste ich es sofort. Das ist mein Max.

Als Baby hat er mir das Leben nicht leicht gemacht, ständig nur gebrüllt. Viele würden jetzt sagen, das waren bestimmt die 3-Monats-Koliken, aber nein, die hätte er dann mit 3 Jahren noch haben müssen. Durch geschlafen hat er erst mit ca 2,5 Jahren, und auch nur, weil ich ihn damals dazu zwang. Nacht für Nacht hat er mich bis dahin auf Trapp gehalten, und ich versuchte ihn stets zu beruhigen, sollten doch wenigstens Jule und mein Nicht-Ehemann zu ihrem Schlaf kommen können.

Als er 10 Monate alt war, ging ich schon wieder in meinen Beruf zurück, also war ich, als er 2,5 Jahre alt war natürlich völlig fertig. Jede Nacht dasselbe Theater. Ich ging also zu meine Kinderärztin und bat sie um Hilfe: „Geben sie dem Kind irgendwas, ein Schlafmittel vielleicht, damit auch ich endlich mal Nachts zu Ruhe komme, ich kann nicht mehr.“ Sie:“Nein, wir machen Durchschlaftraining.“ was auf Deutsch heißt: Lassen die das Kind brüllen, das hört schon irgendwann auf. Ich? Ich soll meinen Max brüllen lassen? Nein. Auch das noch. Aber gesagt, getan, nach einer Woche schlief mein Kind durch, jede Nacht, und das bis heute. Brüllen tut er trotzdem viel, aber eben nicht mehr Nachts. Das eigentliche Geschrei hat dann aufgehört, als er das Sprechen lernte. Gott sei Dank. Man hat uns nämlich draußen nie gesehen, aber immer gehört. Heute sind es nur noch Wutanfälle, die ihn dann laut werden lassen.

Krabbeln konnte er, wie ein Weltmeister, laufen wurde völlig überbewertet. Doch mit 1,5 Jahren stand er dann einfach auf und ging los. Er fiel natürlich auch gleich wieder um, aber ich guckte nicht schlecht, hab ich doch wochenlang versucht, ihn auf die Beine zu stellen. Mit der Sauberkeitserziehung war das ähnlich. Ständig setzte ich ihn auf das Töpfchen. Töpfchen blieb leer, er durfte aufstehen, 2 Minuten später – Hose nass. Ich wurde wahnsinnig. Irgendwann sagte er dann: Mama, ich brauch keine Windel mehr, ich kann aufs Töpfchen gehen. Und so war es. Von da an funktionierte das. Auch hat er mit mit  nicht ganz einem Jahr zu verstehen gegeben, dass er den Nuckel nicht mehr will. Waaas? Keinen Nuckel mehr? – so war es, ich musste da durch. Wenn ich ihn beruhigen wollte, musste ich mir eben etwas anderes einfallen lassen.

In allem hatte er mir also immer sein Tempo aufgezeigt. Und so ist es heute noch. In der Schule Klasse 1: Die Subtraktion. Ich habe gefühlte 100mal versucht, sie ihm beizubringen. Irgendwann konnte er sie einfach, aber nicht, wie die Lehrerin oder ich es versucht haben, ihm zu zeigen. Nein, er hatte seinen eigenen Weg gefunden, und nun klappte das. Mittlerweile gebe ich ihm die Zeit, die er braucht. Im Hausaufgabenheft steht dann oft: Hier nochmal üben! Klar, übe ich dann auch mit ihm, aber im Grunde weiß ich, er braucht nur ein bisschen Zeit mehr, und dann klappt das schon. 

Alltägliche Floskeln nimmt mein Sohn auch gern schon mal wörtlich. Wenn er also seinen Namen in eine Geburtstagskarte schreiben soll, und ich ihn eigentlich nur darauf hinweise, dass dieser groß geschrieben werden soll ( er schreibt nämlich gern Verben am Anfang groß und Substantive klein) dann muss man damit rechnen, dass sein Name gaaaaaanz groß in dieser Karte steht.

Und so war gestern der Tag, der schon sooo aufregend war, weil er ja nun heute Geburtstag hat, dass ich Angst hatte, er würde mich vielleicht schon des Nachts aus meinen Träumen reißen: „Hurra, Mama, ich hab Geburtstag. Kann ich meine Geschenke auspacken?“. Also habe ich ihm sein erstes Geschenk gestern Abend ans Bett gestellt, es war ein per Post, als Geburtstagsgeschenk eingepacktes, versendetes Päckchen. Ich sagte, wenn er dann am Morgen wach wird, darf er es gleich auspacken. Ich stand also vorhin auf. Und er hatte das Päckchen auch ausgepackt, aber eben nur vom Geschenkpapier befreit. Den Karton aber nicht geöffnet. Mein kleiner Schatz, von öffnen hatte ich nichts gesagt. Oh man. Und er war doch schon soooo aufgeregt. 😀

Das Leben mit der Spielsucht (Merle)

Zum 15. Jahrestag schenkte er mir 120 Sonderspiele

Wie alles begann ….

Ich bin der ironischste und sarkastischste Mensch, den ich kenne, neben meiner Schwester. Gehe immer fröhlich und optimistisch durchs Leben, und nehme jeden Tag als ein Geschenk. Ein Geschenk, an diesem wunderbaren Leben teil haben zu dürfen, zwei tolle Kinder zu haben, einen Mann der mich liebt und eine Familie, die in harten Zeiten zusammenhalten kann – wenn sie will.

Geboren wurde ich in einer für mich völlig normalen Familie. Normal deshalb, weil ich glaubte, dass dies normal ist.
Ich hatte Vater, Mutter und noch zwei ältere Geschwister. Beide Elternteile verdienten gutes Geld, so dass es uns an nichts mangelte. Naja, im Nachhinein sagte meine Mutter einmal, auch bei uns hätte es den einen oder anderen Engpass gegeben, aber wir Kinder bemerkten davon natürlich nichts. In meiner Jugend jedenfalls mangelte es mir an nichts. Ich bekam Klamotten, wenn ich sie brauchte, ich konnte Klassenfahrten machen, in den Ferien in den Urlaub fahren, Keyboard-Unterricht an der Musikschule nehmen, ins Kino gehen, in die Schwimmhalle fahren … ach ja und das Beste überhaupt … mein Vater hat mich auch noch überall hin gefahren und wieder abgeholt.

Mit 17 setzte ich mir dann auch noch in den Kopf, die Fahrerlaubnis für ein Moped zu machen. Auch das war kein Problem, ein Zweirad bekam ich gleich noch dazu – einfach so. Ich fuhr dieses Gefährt genau dreimal. Zweimal davon legte ich mich damit auf die Straße. Danach sah ich es nie wieder an. Ich glaube meine Eltern haben dieses Moped irgendwann gegen zwei hochwertige Fahrräder eingetauscht.

Aber es sollte ja noch eine bessere Zeit kommen, eine Zeit von der ich immer schon geträumt hatte. Und genau für diese Zeit der Unabhängigkeit ab 18, hatten meine Eltern mir auch noch ein Sparbuch angelegt, mit dem ich mir einen Führerschein und ein Auto finanzieren konnte. Ein guter Start ins Leben. Ich war frei ….

Und dann traf ich IHN ….. nein, eigentlich traf ich sie.

Sie war meine neue beste Freundin. Ich war damals mit dem Zug auf dem Weg von meiner Schwester nach Hause, und sie holte mich zusammen mit ihrem Freund vom Bahnhof ab. Ich hatte sie auf einer Geburtstagsfeier kennengelernt, und sie war mir sofort sympathisch, was ich von IHM nicht behaupten konnte. Aber egal, mit ihm sollte ich ja nicht meine Zeit verbringen.

Ich war damals bereits dreimal durch die praktische Führerscheinprüfung gefallen, an Freiheit war also nicht zu denken. Immer noch war ich abhängig von irgendjemandem irgendwohin gefahren zu werden. Mit meiner neuen Freundin war das einfach, ihr Freund durfte ja ein Auto fahren. Also verbrachten wir fortan viel Zeit zusammen.

Mit Beginn meiner Ausbildung hatte ich auch schon den vierten Termin zur Fahrprüfung, welcher auch mein letzter sein sollte. Ich schwor mir, wenn ich es auch dieses Mal nicht schaffen würde (wo doch jeder Depp ein Auto fahren darf) dann würde ich es auch nicht mehr versuchen. Aber nun wurde ich belohnt, endlich durfte auch ich ein Auto fahren, mein Auto fahren, welches im Übrigen schon zur ersten Prüfung fahrbereit auf dem Hof meiner Eltern auf mich wartete.

Wie es so sein sollte, musste der Freund meiner Freundin ziemlich zeitgleich, mit Bestehen meiner Fahrprüfung, seinen Führerschein abgeben, und es sah nicht so aus, als wenn er ihn recht schnell wiederbekommen würde.

In meiner frisch gewonnenen Euphorie und meinem neuen Gefühl von Freiheit, war das für mich natürlich gar kein Problem. Er hatte den Führerschein gebraucht, um die Familie zu ernähren, und nun war ich eben da. Ich bot also meine Hilfe an.

Die Kehrseite der Medaille

Jung, blond, hübsch, aber vor allem naiv und bisher gut behütet, trifft starken Überlebenskünstler mit breiten Schultern zum Anlehnen, aus „Mitten im Leben“. – Das imponiert!

Es begann also eine Zeit in meinem Leben, die aufregender nicht hätte sein können. An erster Stelle stand natürlich meine Ausbildung, welche ich auch brav absolvierte. Nebenbei startete ich das „Fuhrunternehmen“ für den Freund meiner Freundin.

Er brauchte eine Transportmöglichkeit für Sachen, die er zu Geld machen konnte. Er brauchte – ich hatte …. Ich hatte ein Auto und einen Führerschein – er nichts mehr von beidem ….

Er war ein Schrottsammler. Wir fuhren also nahezu täglich durch die Gegend, um Metalle zu sammeln, die niemand mehr zu brauchen schien. Und sowas gab es viel. Leerstehende, baufällige Ruinen, welche noch voll waren mit alten Heizkörpern, Kupfer- oder Aluleitungen, Kabel usw. All dies sammelten wir ein, um es später an einen Händler zu verkaufen. In dieser Zeit konnte man damit noch richtig gutes Geld verdienen. Und auch ich bekam jedesmal meinen Teil davon ab.

Damals wurden wir uns auch immer vertrauter. Ich lernte einen jungen Mann kennen, der sich durchs Leben hatte kämpfen müssen. Der Hunger und Not kannte, und sich daraus selbst hatte befreien können. Einen Mann mit einem gutem Herz und einem stark ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit. Einen tierlieben Menschen, mit dem man Pferde stehlen konnte, ohne dabei selbst in Gefahr zu geraten. Ein Typ mit Ecken und Kanten, tief in seinem Inneren ein kleines Kind, dass die Welt nicht verstand, und von ihr auch nicht verstanden wurde.

Ich fing an, ihn zu mögen.

Wir verbrachte ja nun auch die gesamte Freizeit miteinander. Er erzählte mir von seiner Beziehung zu meiner Freundin, ich ihm von meinem Liebesleben, welches in zu diesem Zeitpunkt eigentlich gleich Null war. Wir lachten viel zusammen.

Triff erstmal einen Menschen, der deinen Humor versteht.

Noch heute versteht niemand unseren Humor, selbst meine Schwester, die mir in Sachen Ironie und Sarkasmus am ähnlichsten ist, ist manchmal ein wenig verwirrt, glaube ich, wenn sie uns beide miteinander kommunizieren hört und sieht.

Ich verliebte mich in ihn. Vielleicht war es genau diese rosa-rote Brille, die mich nicht erkennen ließ, was fortan mein ganzes Leben mit ihm bestimmen sollte.
Wie bereits zuvor erwähnt, ließ sich mit dem Schrott einiges an Geld verdienen, welches er und seine Freundin auch brauchten, um zu Leben. Eigentlich hätte auch immer etwas übrig bleiben müssen, denn wir verdienten gutes Geld. Nur, es war eben nie etwas übrig, was ich aber im ersten Moment natürlich nicht mitbekam. Irgendwann war es dann so, dass er mich nach getaner Arbeit mit in eine Spielothek nahm, wo er auch anfing zu spielen. Er steckte Geld in die Automaten, gewann mal etwas oder verlor alles. Meistens letzteres. – Egal, morgen würden wir ja wieder Geld verdienen können.

Welch ein Irrsinn, aber ich registrierte all dies nicht und verschloss meine Augen vor der Wahrheit. Im Grunde konnte es mir ja auch egal sein, ich bekam immer meinen Teil ab.

Und doch verliebte ich mich in diesen Menschen, der auf der einen Seite so stark, aber auf der anderen doch so verletzlich war. Ich erkannte die Sucht nicht, die dahinter steckte, und hatte wahrscheinlich noch immer das Gefühl, ihm da raus helfen zu können.

Ich – und meine rosa-rote Brille …

Und so geschah es, dass auch er sich in mich verliebte, seine langjährige Beziehung aufgab, und ein Leben mit mir begann. Es war kein einfaches Leben, denn ich war noch immer bis in den Nachmittag hinein in der Ausbildung, und am Nachmittag startete das „Fuhrunternehmen“. Wir bezogen eine gemeinsame Wohnung und wurden zu „Bonny und Clyde“.

Meistens sammelten wir Schrott in alten, leerstehenden Gebäuden, verdienten damit gutes Geld. Während ich nach getaner Arbeit dann einkaufen ging, begab er sich in die Spielothek, um den Rest zu verprassen, immer in der Hoffnung einmal den Supergau zu erleben. Was natürlich nie geschah, und selbst wenn doch mal ein größerer Gewinn dabei abfiel, landete es über kurz oder lang doch wieder in den Automaten.

Bonny und Clyde aber waren auch Nachts auf der Suche nach dem großen Geld. Und so fanden wir ein Gelände, welches Tonnen von Altmetallen auf seinem Hof lagerte. Nacht für Nacht holten wir uns dort das etwas größere Geld. Wobei er immer darauf bedacht war, dass mir nichts passieren sollte.

So brachte ich ihn also nur dorthin und verbrachte die Nacht auf einem entfernten Parkplatz, während er alles zusammen suchte und zu einer vereinbarten Zeit in mein Auto lud. Morgens dann machten wir alles zu Geld, viel Geld … abends aber waren wir pleite und zogen wieder los.

Eines Nachts aber sollte sich diese Zeit dem Ende zuneigen. Ich brachte ihn, wie immer dorthin und fuhr zu meinem Parkplatz, als ich, nicht wesentlich später, von ihm einen Anruf erhielt, dass die Polizei wohl schon auf ihn gewartet, ihn aber bisher noch nicht geschnappt hätte.

„Fahr die Straße x entlang, am Ende biege nach links ab. Fahr langsam weiter, ich werde dir dann vors Auto springen. Dann können wir entkommen.“

Gesagt getan. Ich fuhr den beschriebenen Weg entlang und lud ihn ein. Die Polizei nur knapp im Nacken. Sie haben uns nie gekriegt.

Einmal noch – an einem anderem Ort – habe ich so etwas mit ihm erlebt und habe ihn gefunden, bevor es die Polizei tat. Danach haben wir es dann doch wieder mit Sammeln versucht.

Nun fragt man sich: was will die mit so einem?! Und die Frage haben sich wohl so manche aus meinem Umfeld gestellt. Ich kann es euch sagen. Wenn es damals für ihn nicht die Möglichkeit gegeben hätte, mich vor Unglück zu bewahren, hätte er mich gar nicht erst angerufen, sondern hätte sich gestellt. Er würde nie etwas schlechtes für mich wollen, sondern sich eher selbst opfern. Und trotzdem, reißt er mich mit seiner Sucht immer wieder rein.

Ich glaube nicht, dass ich zu dieser Zeit noch so blind war und diese Sucht, als tatsächlich eine Solche nicht erkannte. Nein, ich glaube eher, dass ich dachte, ich könnte ihm da raus helfen. Ich hab das tatsächlich auch versucht, hab stundenlang mit ihm geredet, ihm versucht das Für und Wieder auf zu zeigen. Aber das wusste er alles und hatte sogar Verständnis. Ich hab es im Guten versucht, und auch im Bösen: hab ihn verlassen, wie oft weiß ich nicht. Und doch hat er es immer wieder geschafft, mich zurück zu erobern.

Er ist ja auch kein schlechter Mensch. Er ist charmant, witzig, klug, stark und mein persönliches Genie in Sachen Technik und Konstruktionen, vor allem eigene Konstruktionen. Von ihm habe ich auch viel gelernt. Ich kann wahrscheinlich ein Auto auseinander schrauben und wieder zusammen setzen, Metalle und ihre Eigenschaften erklären und noch so vieles mehr. Aber das wichtigste, er hat mir gezeigt, wie man durchs Leben kommt, das man auch mal Türen „eintreten“ muss, um weiter zu kommen., dass man für seine Ziele kämpfen muss. Genau das musste er ja auch all die Jahre tun, sich Sachen erkämpfen, um ans Ziel zu gelangen. Und ich weiß genau, für mich würde er durchs Feuer gehen.

Heute, 15 Jahre später, ist es einfacher. Er hat natürlich irgendwann seinen Führerschein zurück bekommen und die ganze Schrott-Geschichte ohne mich weiter gemacht. Ich bin natürlich nicht mehr in der Ausbildung, sondern verdiene mein eigenes Geld. Klar, manchmal zwackt er mir auch davon noch was ab, aber im Großen und Ganzen bekomme ich von all dem nicht viel mit, auch wenn ich um das Geschehen trotzdem weiß. Ich habe gelernt meine Träume trotz allem zu verwirklichen, auch wenn ich dafür manchmal ein paar Umwege gehen muss.

Nach all den Jahren hat er dann irgendwann einen Psychologen aufgesucht, nicht wegen der Sucht, sondern weil es zu Depressionen kam. Dabei stellte heraus, dass die Sucht ein Teil seiner Verarbeitung des Lebens ist. Sein Gehirn läuft ständig auf Hochtouren und das Spielen hilft ihm ab zu schalten, weil die Maschine dann für ihn denkt.

Scheinen auch depressiv zu sein, diese Geräte, denn sie lassen ihn ja auch nur verlieren.

Zu unserem 15. Jahrestag dann bekam ich keine Blumen oder gar ein Geschenk –

NEIN – er kam abends nach Hause, weil er sich noch ein bisschen Geld von mir holen musste.

Er hatte 120 Sonderspiele auf dem Kasten, das wäre doch mal ein lukrativer Gewinn.

Am nächsten Morgen sprachen wir nicht mehr davon….

Du und Ich – wir beide (Merle)

Kindheitserinnerung an meine Schwester Lotta habe ich nicht viele. Das mag daran liegen dass ich 5 Jahre nach ihr auf die Welt kam und sie, dem Alter entsprechend, natürlich ganz andere Sachen gern machte, als ich.

Woran ich mich erinnern kann:

Ich habe mein Zimmer mit ihr geteilt, wobei Zimmer wahrscheinlich gar kein Ausdruck ist, eher trifft es wohl der Begriff Kämmerchen. Maximal gefühlte 5 m² groß, indem sich 2 Schreibtische, ein Kleiderschrank und ein Doppelstockbett befanden. Ich kann mich erinnern, dass es immer sehr unordentlich war und wir regelmäßig einen Anpfiff dafür bekamen. Über Lottas Schreibtisch hing ein Poster von Robert Redford, aber auch viele von Depeche Mode, ihrer Lieblingsband bis heute.

Unsere Eltern waren beide berufstätig, so dass Lotta dafür zuständig war, für uns zu kochen, wenn wir aus der Schule kamen. Es gab oft leckeren Pams. Pams, wie unsere Mutter es immer nannte, war zusammen gerührtes Essen vom Vortag.War wirklich sehr lecker. Für mich zumindest.

Sicherlich haben wir auch einige Urlaube und Ausflüge miteinander verbracht, aber daran kann ich mich nicht all zu gut mehr erinnern. Irgendwann war sie dann in dem Alter in die Ausbildung zu gehen, und das war sehr weit weg von uns, so dass meine eigentlichen Erinnerungen mit ihr in meiner Kindheit gar nicht viel zu tun haben. Was ich noch weiß ist, dass wir uns immer viel gestritten haben, wenn sie dann mal zu Hause war, dass wir uns aber immer vermisst haben, sobald sie wieder weg war. Ich hab sie immer bewundert, für das was sie tat, was sie anzog, wer sie war. Ich habe immer mit Stolz von ihr erzählt und mich gefreut, wenn wir sie besucht haben, auch mal in ihre Welt zu schnuppern. Sie war in ihren jungen Jahren schon so selbstständig.Und sie war in allem mein großes Vorbild.

Ihre Ausbildung war dann auch irgendwann beendet und sie begann in ihrer neuen Heimat ein eigenständiges Leben. Ich besuchte währenddessen brav die Schule und erlernte danach auch einen Beruf, der mir sehr viel Spaß machte. Ich hatte mich für den Heilerzieher entschieden. Mit dieser Herausforderung bin auch ich stetig gewachsen, aber nicht nur daran. In dieser Zeit lernte ich auch meinen heutigen Nicht-Ehemann kennen.

Lotta und ich haben uns in all der Zeit aber nie aus den Augen verloren. Es kam die Zeit von Internet und e-mail, Handy und SMS wurden zum Alltag, was uns eine Kommunikation enorm erleichterte. Damals war es noch ein reines „große-Schwester / kleine Schwester – Verhältnis“. Sie half mir, wenn ich Unterstützung brauchte (als kleine Schwester hat man so einige Vorteile.) Als ich damals meine erste Wohnung bezog, rangierte sie gerade nicht mehr gebrauchte Sachen aus ihrer Wohnung aus, so dass ich an Geschirr, Töpfe und Pfannen kam, welche ich mir sonst hätte teuer kaufen müssen. Natürlich auch einige andere Sachen.

Während meiner Ausbildung kam dann 2002 meine Tochter Jule auf die Welt. Es war eine wirklich schwierige Zeit, denn meinen Beruf wollte ich natürlich trotzdem erlernen. Dabei konnte mir leider auch Lotta nicht helfen, aber sie stand mir immer Rat und Tat zur Seite, wo sie nur konnte. Da ich finanziell auch nicht immer so gut da stand, half sie mir auch da das eine oder andere Mal aus. Aber an eine Sache kann ich mich noch erinnern, (und wenn sie das jetzt selbst liest, wird sie bestimmt schmunzeln) da bat ich sie „mal wieder“ um Geld, weil ich, wie immer, irgendein Problem hatte. Finanzielle Problem hatte ich ja häufiger, aber dazu an anderer Stelle mehr. Ich schrieb ihr also eine e-mail, mit der Bitte um  Unterstützung. Vielleicht hatte sie selbst keinen guten Tag gehabt oder Ärger auf Arbeit oder mit sonst wem, auf jeden Fall bekam ich eine schriftliche „Abreibung“ und Aufklärung in Sachen Kommunikation. Meine e-mail war wohl nicht mit Anrede und dergleichen ausgestattet gewesen. Ups …. Die Finanzen konnte ich also vergessen, vielleicht hatte ich sie auch eben einmal zuviel gefragt. Irgendwann ist nun auch mal gut. Heute jedenfalls, achten wir beide darauf, uns auch höflicherweise korrekt zu begrüßen. In Zeiten von FB-Chats oder Whatsapp bleibt sowas ja schon mal auf der Strecke. Ich liebe es, sie dann doch mal daran erinnern zu können, wenn sie mich nicht ordnungsgemäß begrüßt. (GuMo :* = Guten Morgen … )

Nun hatte ich also Jule, und Jule liebte ihre Tante Lotta. Wann immer Lotta auf Besuch war, war Jule an ihrer Seite. Einmal haben Jule und ich Tante Lotta auch in ihrer Wahlheimat besucht. Sie arbeitete damals bei einem der größten Mobilfunkanbieter Deutschlands. So auch an diesen Tagen, und Jule und ich verbrachten die Zeit damit, die Gegend zu erkunden. Wir durften sie auch auf ihrer Arbeit besuchen. Vor diesem großen Gebäude stiegen riesige Wasserfontainen in den Himmel auf, das fand meine Tochter, sie muss damals 2 Jahre alt gewesen sein, total faszinierend. Also, Schuhe aus und rein da. Sie hüpfte und quiekte vergnügt, bis ich irgendwann merkte, dass die Steine von der Sonnen wirklich heiß waren. Quiekte sie also vor Vergnügen oder weil die Füße brannten? Lotta erzählte mir später, sie hätte das vom Fenster aus beobachtet und sich dabei köstlich amüsiert. Ich Rabenmutter! Tante Lotta brachte ihr damals auch das Essen mit Messer und Gabel bei. Hat schon mal einer von euch Pommes mit nem Messer gegessen? 😀

Zwei Jahre später entschied sich meine Schwester dann zurück in die Heimat zu kommen. Ich glaube, das war damals der Beginn unserer Freundschaft. Wir waren nicht mehr nur Schwestern, wir wurden zu richtigen Freundinnen. Im Nachhinein denke ich, war es nicht von Vorteil dort alles auf zu geben, aber wer weiß sowas schon vorher. Wenn sie auch einiges verloren hat, so hat sie auch viele Dinge dazu gewonnen. Seitdem haben wir fast alles zusammen entschieden, was richtig oder falsch ist, oder was wir glaubten, dass es richtig oder falsch sein könnte. Die Beziehung zu meiner Schwester ist etwas ganz besonderes geworden. Wir haben bereits einiges zusammen durchgestanden und uns auch immer ganz gut ergänzt und unterstützt. Am meisten liebe ich das Hand in Hand – Arbeiten mit ihr. So werden schon mal wichtige e-mails oder Telefonate von der jeweils anderen ausgeführt und geschrieben, weil man selbst arbeitstechnisch keine Zeit hat. Es gab auch eine Zeit, in der wir beruflich zusammen gearbeitet haben, auch das hat mir viel Spaß gemacht, besonders dann, wenn eigentlich gerade das totale Chaos ausbrach.

Kurz nachdem meine Schwester wieder bei uns war, wurde ich ein zweites mal schwanger. Lotta liebte Kinder und wollte auch so gern eigene haben. Dies blieb ihr aber leider bisher vergönnt. Dennoch freute sie sich mit mir. 2007 wurde also mein Sohn Max geboren. Genau an dem Tag, an dem meine Schwester ihr Kind verlor, welch ein Irrsinn. Ich war auf der einen Seite so voller Freude  über mein Kind, welches ich gerade geboren hatte, dass das Adrenalin noch in meinen Adern rauschte – und auch sie freute sich mit mir- aber ich konnte in ihren Augen den Schmerz sehen, den sie an diesem Tag erlitten hatte. Wir haben eigentlich nie wirklich darüber gesprochen. Gott sei dank blieb ihr Kinderwunsch dennoch nicht unerfüllt, und so sollte auch sie eines Tages eine wunderbare Mutter werden.

So haben wir nun heute jeder zwei Kinder, jedes mit seinen Stärken und Schwächen.

Vor fast 40 Jahren …. (Lotta)

… begann meine Reise. Als ich die Reise antrat, wusste ich nicht auf was ich mich eigentlich einließ, und ob ich das eigentlich so wollte.

Wird es eine lange Reise?

Wer wird mir begegnen?

Werde ich finden wo nach ich suche?

Was werde ich erleben?

Wird es mir immer gut gehen?

Wow, ich hatte schon so viele Fragen, aber damals noch nicht eine Antwort. Und es interessierte mich auch nicht. Die Vorbereitungen haben mich knapp 9 Monate Zeit gekostet, und das Tor zur Welt habe ich am 16. März 1976 betreten. Als ich meine Reise antrat, wurde ich von meiner Mama in Empfang genommen. Sie hat sich sehr gefreut und erzählte mir, dass in unmittelbarer Nähe (nämlich bei der Oma) mein Bruder auf mich wartet und mein Papa bald zu Besuch nach Hause käme, um mich kennen zulernen. Wie aufregend. Nach ein paar Tagen Zwischenstation im Kreisrankenhaus Demmin, auf der Mütterstation ging es dann bald nach Hause.

Und meine Reise begann.

Auf meiner Reise habe ich ganz viele schöne Dinge erlebt und sooo viel gelernt. Ein Spruch der mich immer begleitet – man kann ihn als Schüler der 10. Klasse aber leider nicht mehr hören – „Du lernst nie aus“ oder „Du lernst für Dich und nicht für uns“. Wenn ich noch ein bisschen in meiner Gedächtnis-Schublade krame, fallen mir bestimmt noch ein paar sehr kluge Sprüchen ein zum Thema lernen. Nun aber es ist leider so – meine Eltern würde diese Einsicht jetzt sicher freuen – ich lerne nie aus, und ich lerne auch nur für mich. Ich lerne auch aus meinen Fehlern, wenn ich sie denn machen darf. Eltern neigen ja dazu ihre Kinder vor Fehlern bewahren zu wollen. Ich ertappe mich heute bei  meinen Kindern selbst dabei.

So habe ich in meinem Leben auch viel gelernt. Begonnen hat die Lernphase schon am ersten Tag. Immer musste ich irgendwas machen oder sogar schon können. Ich glaube hier kann man viele Paralellen ziehen, zu all den Neuankömmlingen im Leben. Die Reise beginnt, und du hörst nie auf zu lernen. Willkommen in der Welt.

Nun, ich habe viel gelernt und bin in meinem Leben gut vorangekommen. Oft hatte ich die Unterstützung meiner Eltern. Aber es gibt Dinge im Leben eines Kindes, die ein Kind tun muss, weil es sie tun muss. Und ein Kind muss diese Dinge alleine tun. So geschah es, dass ich meine ersten Schritte alleine machte. Ich ließ mich einfach los. Meine Eltern waren mächtig stolz auf mich. Schließlich haben sie mir alle diese Schritte beigebracht. Ab da an war ich auch nicht mehr zu halten. Ich wurde immer selbständiger. Was hier nicht zu glauben ist, ich spreche hier von 2 Altersstufen. Ich lernte alleine laufen mit ca 1,5 Jahren oder mit ca 15,5 Jahren. Im Alter von 1,5 Jahren ist es völlig normal laufen zu lernen und dann recht schnell auch los zulassen. Endlich raus in die Welt. Nicht immer einen helfende Hand brauchen, um Ziele zu erreichen. Meine Mama hatte hin und wieder Angst, ich könnte mir was tun und versuchte mich zu warnen und gar zu beschützen. Aber wie es so ist als kleiner Racker – ich lernte auch aus meinen Fehlern, wenn ich sie denn machen durfte – also lies sie mich auch machen, meine Mama. Papa war da immer schon ein bisschen zuversichtlicher. Er hat mich machen lassen. Liegt es daran das Männer eher mutiger veranlagt sind, als Mamis, oder dass in ihnen immer ein Kind stecken wird? Damit hätten sie natürlich eher Verständnis für die Situation eines Kindes und den Drang nach (augenscheinlich aus Mamas Sicht) offensichtlich lauernder Gefahr.

Ich konnte nun laufen und die Welt gehörte mir. Alles wurde erkundigt, im Laufschritt. Wieder zum Leidwesen meiner Eltern. Auch wenn Pabba allem etwas gelassener entgegenblickte – in diesem Fall nicht. Unsere gemeinsame Wohnung war nicht so groß, als dass sie einen Dauerläufer vertragen konnte oder der Dauerläufer die Wohnung. Fazit ich bin ständig angeeckt. Ich hatte immer blaue Schienbeine und aufgeschlagenen Knie. Wer viel läuft, stürzt auch mal.

Am Anfang meiner Reise erfuhr ich, dass ich nicht alleine auf der Welt war. Ich hatte einen Reisebegleiter, den ich auch schon bald kennen lernen sollte. Meinen großen Bruder, er wartete schon auf mich und hatte satte 11,5 Monate Vorsprung. Er brachte mir nichts bei, dafür war er noch zu klein. Aber ich schaute mir viel von ihm ab, auch den Blödsinn. Das konnten wir sehr gut, Blödsinn machen. Das konnte ich aber auch sehr gut alleine. Fortan waren wir immer zusammen, wenn wir nicht gerade in den Kindergarten gingen oder in die Schule. Hier war ein Jahrgang vor mir und das war für uns auch gut so. Beruflich jeder hatte seinen eigenen Wirkungskreis. Privat mussten wir immer zusammenspielen. Denke ich an unsere gemeinsame Kindheit zurück war sie schön und behütet. Allerdings waren wir beide zu klein für die großen Jungs aus unserem Aufgang und wurden immer als junges Gemüse bezeichnet. Irgendwie störte uns das nicht, und wir hatte unseren Spaß. Wir sind über Zäune geklettert, haben in fremden Kindergärten gespielt, haben im Wald Spuren gelesen oder wir sind in der Klosterruine unseren Forschungs-Phantasien nachgegangen.

Einmal machte ich während meiner Reise durch die Kindheit noch mal Stop, um einen Passagier zu steigen zu lassen. Ich feierte gerade meinen 5. Geburtstag – an den ich mich leider nicht mehr erinnere – mein großer Bruder wird 6 Jahre alt und wenige Tage später erblickt unsere Schwester Merle das Licht der Welt und macht sich mit uns auf eine gemeinsame Reise durch die Zeit.

Na super, noch ein Mädchen. Naja es war eine 50/50 Chance. Soweit ich weiß, dachte meine Mama es wird ein Junge. Da die Natur sowieso das macht was sie will, hat sie sich spontan für ein Mädchen entschieden. Meine Merle. Ich war eine stolze große Schwester. An die Zeit ihres Babyalters kann ich mich nicht mehr so genau erinnern, hier gibt es nur Foto-Erinnerungen. An die Zeit, als sie im Kindergartenalter war, erinnere ich mich besser. Sie kam irgendwann ins Vorschulalter. ich habe mit ihr Schule gespielt oder Friseur oder Kaufmannsladen. Das war auch die Zeit, als wir in einen neue Wohnung gezogen waren. Merle und ich teilten ein Zimmer. Jede große Schwester die das liest, weiß ganz genau, wovon ich spreche.

Ich wurde langsam zum Teenie und meine Schwester? Sie blieb erst mal meine kleine Schwester. Ich kann gar nicht sagen wann sich das gedreht hat. Selbst zu ihrer Jugendweihe war sie immer noch meine kleine Schwester und nicht mehr. Heute ist es anders. Aber das steht ihn einem anderen Kapitel.

Liebe Schwester tanz mit mir …. (Lotta)

Liebe Schwester tanz mit mir, beide Hände reich’ ich dir
einmal hin, einmal her rundherum das ist nicht schwer.

Mit den Fingerchen tick, tick, tick, mit dem Köpfchen nick, nick, nick, einmal hin, einmal her rundherum das ist nicht schwer.

Mit den Händchen klatsch,klatsch,klatsch, mit den Füßchen trapp,trapp,trapp
einmal hin, einmal her rundherum das ist nicht schwer.

Ei, das hast du gut gemacht, ei, das hätt’ ich nicht gedacht,
einmal hin, einmal her rundherum das ist nicht schwer.

Noch einmal das schöne Spiel, weil es mir so gut gefiel, einmal hin, einmal her rundherum das ist nicht schwer.

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Ein Klassiker! Jedes Kind hat dieses Lied schon einmal gesungen oder getanzt. Auch während ich das hier schreibe, scheint sich das Lied zu einem Ohrwurm zu entwickeln. Ja es gibt zu diesem Kinderlied sogar einen Tanz und ich kann mich noch sehr genau an diesen Tanz erinnern. Im Kindergarten haben wir diesen lange eingeübt und an einem besonderen Tag aufgeführt. Was genau das für ein Tag war, weiß ich gar nicht mehr so genau. Aber das Lied und der Tanz sind bis heute noch sehr präsent in meinem Köpfchen. Fast jeder kennt dieses Lied, aber was bedeutet es? Denkt man als Kind schon über den Sinn des Liedes nach? Wie viele Lieder werden gesungen ohne das man den Sinn weiß oder gar erkennt?

Welche Schwester spricht hier?

Die Große zur Kleinen oder die Kleine zur Großen?

Wie alt sind die Schwestern?

Sind es wirklich Schwestern oder gar „nur “ Freundinnen?

Ich merke gerade das ich mich mitten in einer Interpretation eines Kinderliedes befinde. Irgendwie nicht das was ich hier wollte… (Interpretationen waren schon in meiner Schulzeit nicht mein Ding). Vielmehr habe ich mich sehr an meine Schwester erinnert gefühlt als ich gerade eben dieses Lied per Zufall im Internet entdeckte. Nicht das ich ihr gezeigt habe wie man tanzt… Nein, tanzen hat sie ganz alleine gelernt. Aber genau deshalb frage ich mich.

Geht es hier ums tanzen?

Bringt die große Schwester der kleinen Schwester etwas bei?

Wer ist eigentlich die große Schwester von uns beiden?

Rein biologisch bin ich die Große Schwester. Evi (oder wie ich sie gerne nenne Felynchen) ist meine kleine Schwester. 5 Jahre haben meine Eltern sich Zeit gelassen, mir dieses kostbarste Geschenk zumachen. Auch wenn ich es damals noch nicht wusste und Felynchen sicher auch nicht, wir beide werden mal richtig gute Freundinnen. Aber dazu später mal mehr.  Wieder zurück zum Kinderlied. Wenn ich also als Große meiner Kleinen das tanzen beigebracht habe, dann steht das auch für viele andere kleine Dinge des Lebens. Viel mehr noch, nicht nur die Große für die Kleine, nein auch die Kleine der Großen.

Meine Kleine ist meine Große.

Ich rufe Sie an und frage wie man tanzt. Ich bitte Sie konkret um die einzelnen Tanzschritte. Sie lobt mich wenn ich gut getanzt habe und motiviert zur Improvisation im Tanz. Wir diskutieren über die Choreographie und wir werten den Tanz aus. Wir sind immer für einander da zu jeder Zeit.

Fazit, ab heute werde ich das Lied mit anderen Augen betracht und mich erfreuen wenn es Kinder singen. Leider habe ich es bei meinen Kindern noch nicht gehört. Das kann aber auch daran liegen das es Jungs sind. Hm da fällt mir ein… könnt es sich hier auch um Bruder und Schwester oder Schwester und Bruder oder Bruder und Bruder handeln? Dann sieht das ganze ja schon wieder ganz anders aus 😉 Aber das werde ich nicht mehr heute beleuchten… Vielleicht komme ich darauf noch mal zurück –  denn ich habe auch einen großen Bruder, achja und meine kleine Schwester ja auch :-D.